Kein Fett mehr
Als sich die zwei Industriebosse mit dem Pensionär und dem Professor am 16. September im Frankfurter Airport-Hotel die Hand schüttelten, ahnte keiner von ihnen, daß sie im Begriff waren, ein Possenspiel aufzuführen -- ein Spiel, bei dem im Schlußakt einer der traditionsreichsten deutschen Familienkonzerne am Ende sein könnte. Zunächst sah alles ganz ernsthaft aus: Gleich nachdem sie sich begrüßt hatten, begannen die drei Abgesandten des Stumm-Konzerns -- Generaldirektor Leonhard Lutz, Aufsichtsrats-Chef Josef Rust und als Vertreter der Familie Stumm der Münchner Staatsbankdirektor im Ruhestand Franz von Martinitz -- mit den Verkaufsverhandlungen. Ihr Gesprächspartner, der Berliner Rechtsanwalt und FU-Professor Wilhelm Nordemann, kam gleich zur Sache: Die vier wollten einen Kaufvertrag paraphieren, durch den die von Martinitz vertretenen 51 Prozent der Stumm-Aktien auf einen von Nordemann vertretenen Interessenten übergehen sollten. Mit der Abrede, sich am 30. September mittags um 12 Uhr zwecks Zahlung der Kaufsumme gegen Herausgabe der Aktien in München wiederzutreffen, schieden die Herren.
Doch drei Stunden vor der verabredeten Übergabe-Zeremonie überraschte Anwalt Nordemann die Stumm-Vertreter: Sein Auftraggeber werde nicht, wie im Vertrag vereinbart, an diesem Tage zahlen.
Auch eine Nachfrist von 16 Tagen ließen des Professors Auftraggeber ungenutzt verstreichen. Aus der mißglückten Verkaufsaktion zog der Aufsichtsrat schneller als erwartet Konsequenzen. Anfang letzter Woche feuerten die Räte den Stumm-General Lutz einstimmig, ohne einen Nachfolger zu bestimmen. Nicht einmal Vertragsmitunterzeichner Rust mochte sich von dem Verdammungsurteil ausschließen
Für die Stumm-Gruppe kommt der Rausschmiß ihres Generaldirektors in einem gefährlichen Augenblick. Denn das verzweigte Familien-Imperium (25 000 Beschäftigte, knapp zwei Milliarden Mark Umsatz) steckt in einer tiefen Krise. Große Teile des Konzerns wie vor allem der Gerätebau und das Neunkircher Eisenwerk, an dem Stumm und der Kölner Stahlunternehmer Otto Wolff je zur Hälfte beteiligt sind, machten im letzten Jahr trotz weltweiten Stahlbooms Verlust. In diesem Jahr konnte die Stumm AG zum erstenmal keine Dividenden mehr ausschütten.
Die peinliche Verkaufsposse markiert den vorerst letzten Abschnitt auf der abschüssigen Bahn eines der ruhmreichsten deutschen Familien-Konzerne. Ahnherr Karl Ferdinand Stumm, dessen Vorfahren einst aus dem Hunsrück ins Saarland eingewandert waren, errichtete Ende des vergangenen Jahrhunderts aus kleinen Anfängen einen blühenden Montankonzern. Versorgte »Kanonen-König« Krupp nahezu alle Armeen der Welt mit seinen legendären Geschützen, so machte » König Stumm«, wie ihn sein Freund Bismarck nannte, mit Qualitätsblechen für den Bau von Kriegsschiffen von sich reden.
Doch 68 Jahre nach dem Tode des in den Adel erhobenen Stahlmagnaten ist der Montanfamilie der Unternehmergeist ausgegangen.
Als letzten Namensträger zog die aus annähernd 80 Familien-Aktionären bestehende Nachkommenschaft erst Anfang September den CDU-Abgeordneten Knut von Kühlmann-Stumm aus dem Aufsichtsrat zurück. An seiner Stelle beauftragte die Clan-Mehrheit Bank-Pensionär von Martinitz mit der Wahrnehmung ihrer Interessen. Ein Urahn des Bank-Adeligen war bei dem historischen Prager Fenstersturz zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges weich auf einem Misthaufen gelandet.
Die Richtung im Stumm-Rat bestimmt jedoch seit langem ein anderer: Josef Rust, unter Franz Josef Strauß Staatssekretär im Bonner Verteidigungsministerium und heute noch Aufsichtsrats-Chef bei VW. Um den müde gewordenen Familien-Konzern wieder auf Trab zu bringen, heuerte er 1968 seinen Freund Lutz an. Der gebürtige Franke war zuvor fünf Jahre lang im Vorstand von Henschel gewesen und hatte danach ein Zwischenspiel als Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium gegeben.
Erster Schritt des neuen Stumm-Generals: die Umwandlung der Familienfirma in eine AG, um so dem Konzern durch den Verkauf von Aktien aus dem Portefeuille der etwas klammen Stumm-Erben neue Finanzquellen zu erschließen.
Denn an Bargeld fehlte es: Anstatt einen Teil der Gewinne im Unternehmen zur Finanzierung von Investitionen stehenzulassen, hatten die überaus standesgemäß lebenden Nachfahren des alten von Stumm in 20 Jahren mehr als 100 Millionen Mark an Dividende abkassiert. Lutz: »Es kann der beste Koch nicht kochen, wenn er in der Speisekammer kein Fett mehr hat.«
Bei seinen Versuchen, der verkaufswilligen Mehrheitsgruppe des Montan-Clans einen Interessenten zuzuführen, hatte Lutz allerdings wenig Glück. Mehrere Versuche scheiterten, weil den Interessenten der Laden zu teuer war oder weil Otto Wolff, der selbst gut 16 Prozent der Stumm-Aktien hält und seinen Besitz mit der zum Stumm-Clan zählenden Hatzfeld-Gruppe zu einer Sperrminorität von 25 Prozent gebündelt hat, nicht mitspielte. Denn der Kölner Stahlmillionär will nur einen Partner akzeptieren, der seine Konzeption für die Neunkirchener Stahlbasis unterstützt.
Im Sande verliefen unter anderem Übernahme-Verhandlungen mit dem hessischen Industrie-Autokraten Willy Kaus, der für die aus dem Verkauf seiner Metzeler-Werke an Bayer erlösten Millionen eine Anlage sucht.
Mit dem Auftauchen von Nordemann schien Lutz sein Ziel endlich erreicht zu haben. Die zum Verkauf angebotenen Stumm-Aktien sollten bei der -- auf den Namen von Strohmännern sowie eines Nordemann-Mitarbeiters im Schweizer Rorschach eingetragenen -- Finanzholding Jurecon (Kapital: 60 000 Franken) deponiert werden. Wer der eigentliche Hintermann ist, will jetzt nicht einmal Unterhändler Martinitz wissen: »Nachdem das Geld nicht kam, habe ich sofort recherchiert, es kam heraus, daß wir einem Schwindel aufgesessen waren.«
Leonhard Lutz jedoch hält trotz allem seinen Rausschmiß für eine »große Dummheit«. Der Konzernprimus traurig: »Der Verkauf war seriös, der Aufsichtsrat hat die Nerven verloren.«
Die Räte hatten allen Grund dazu: Die 40 Banken, die dem Stumm-Konzern Geld liehen, mußten sich am vergangenen Donnerstag darauf verständigen, dem überschuldeten Unternehmen ein Moratorium zu gewähren. Größter Gläubiger des bedrängten Clans: die Westdeutsche Landesbank des Ludwig Poullain.
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